Von nirgendwo nach irgendwo

Wir sind noch nicht lange unterwegs, aber in der Früh stellt sich schon eine gewisse Routine ein. Fenster auf zum Lüften und aus der Koje krabbeln, Augen reiben, Waschzeug einsammeln, Wasserflasche auch und erst mal raus, eine Ecke zum Waschen und Zähne putzen suchen. Ich bin wach.

Zurück ins Rotel, die Sachen aufräumen, Koffer in die Koje, Handtücher vom Bügel auch weg und dann im Fahrgastraum in der Ablage das Geschirr zum Frühstück holen. Die Tische stehen noch vom Abend und die Ersten fangen schon an das Frühstück vorzubereiten. Jeder hilft wo er kann und Peter hat den großen Topf am Herd. Sobald der Ruf “Topf steht!” erschallt, weiß jeder, dass es los gehen kann. Instant Kaffee holen, ans Frühstücksbuffet und in Ruhe Frühstücken.

Abspülen des eigenen Geschirrs, im Wagen verstauen und dann die Schlafkabine abbauen. Plane runter, Klappen zu und alle ins Auto, es kann los gehen. Wir verlassen unseren Standplatz auf einer Wiese am Bach und die Landschaft wird karger, trockener. Es geht weiter bergan.

Immer wieder sind Steinhaufen zu sehen und Martin unser Reiseleiter erklärt, dass das Bronzezeitliche Hügelgräber sind, die so langsam in sich zusammen fallen.

Ungefähr dreitausend Jahre und die Reste sind noch so deutlich zu sehen. In der Mongolei gibt es keine Landwirtschaft und die Gegend wird nicht umgepflügt und bearbeitet. Die Steppe wird nur von den Tieren abgegrast und so bleiben die Steinhaufen lange erhalten.

Ein Hirschstein der die damalige Welt wiederspiegelt – am oberen Ende die Sonne, dazwischen die irdische Welt mit einem Hirschen als Mittler zum Himmel und dann die Unterwelt, die fest im Boden verankert ist. Und dann ist da noch ein Yak Schädel – eine Opfergabe der vorbeiziehenden Nomaden.

Und schon heißt es wieder – einsteigen, wir müssen weiter und noch ein Stück weiter bergauf und wir kommen am Kleinen Roten Pass auf etwa 2800 Meter höhe an. Hier ist auch ein Steinhaufen, aber das ist kein Grab, sondern ein Ovoo. Heiligtum, Opferstelle, ein Ort, an dem man die Götter um eine gute Reise bittet indem man den Haufen dreimal umrundet und jedes mal einen Stein drauf wirft. So wächst er mit jedem Reisenden ein wenig mehr.

Die Blauen Schals, das Argai Schaf Geweih und teilweise auch Geldscheine sind Opfergaben. Es wird nicht unser letzter Ovoo und nicht unser letzter Pass sein. Aber jedes mal ist es beeindruckend und so ganz anders wie das, was ich so kenne.

Nach dem Pass geht es deutlich runter und es wird auch wärmer und die Pflanzen ein wenig mehr. Immer noch sehr trocken aber überall Beifuß – Artemisia, die ordentlich duftet – oder riecht, je nach eigener Wahrnehmung.

Wir kommen um die Mittagszeit in Khovd an, dem Verwaltungszentrum der gleichnamigen Provinz und mit etwa 30.000 Einwohnern deren größte Stadt. Am Rand der Stadt sind ummauerte Parzellen in denen Jurten stehen. Auch hier leben die Mongolen, wie in der Steppe, aber weiter zum Zentrum wird es so, wie man sich bei uns eine Stadt vorstellt.

Die Mongolei war bis 1990 kommunistisch und so sind auch viele Gebäude aus der Zeit, die das Stadtbild prägen und nicht so wirklich zum Sightseeing einladen. Wir kaufen wichtige Dinge ein. Peter um am Abend zu kochen, wir kaufen Bier in Dosen. Mongolisches Bier ist gar nicht mal so schlecht.

Und dann gehen wir in ein kleines Lokal essen. Chushuur – frittierte Teigtaschen die mit Fleisch gefüllt sind. Dazu Tee mit Milch, der leicht gesalzen ist. Am Anfang etwas ungewohnt, aber wenn es draußen sehr heiß ist, genau das richtige. Nur war es eben nicht so heiß. Wir haben wohl die Regenzeit erwischt was wir am Abend noch mal deutlich merken werden.

Raus aus Khovd kommen wir an einer Moschee vorbei. Hier im Westen leben die Kasachen, eine der mehr als 20 ethnischen Minderheiten, die muslimisch sind. Auch etwas, was ich nicht wusste und was mich ein wenig erstaunt hat. Es geht weiter nach Norden.

Unterwegs meint Martin auf einmal dass wir halten sollten und fragen könnten, ob wir die Jurte besuchen dürfen. Für mich war das befremdlich, denn wie würde ich reagieren, wenn ein Bus mit Fremden vor meiner Wohnung steht und fragt, ob sie rein dürfen, um sich anzuschauen, wie ich lebe.

Aber in der Mongolei ist das offensichtlich nicht so. Wir sollen nur bei den Kühen aufpassen, eine hat gestern ihr Kalb bekommen und ist etwas nervös. Bevor wir also rein sind haben wir noch ein paar wichtige Regeln erklärt bekommen.

  • nicht auf die Schwelle treten
  • nicht reinstolpern
  • auf den Kopf aufpassen
  • Frauen rechts
  • Männer links

Unser Begleiter und Übersetzer hilft bei dem Gespräch und wir erfahren, dass in der Jurte ein älteres Paar im Ruhestand lebt und die Kinder für die Sommerferien da sind. Er ist erfolgreicher Pferdezüchter und hat einige Preise gewonnen, sie pensionierte Polizistin. Die Kinder sollen das Nomadenleben im Sommer kennenlernen, denn sonst leben sie mit ihren Eltern in der Stadt.

Wir werden wie selbstverständlich bewirtet. Es gibt selbstgemachten Käse, Joghurt zum trinken und es ist erstaunlich geräumig und warm im Inneren. Im Winter ist das bestimmt nicht so angenehm. Natürlich lassen wir auch ein Gastgeschenk da. Kleinigkeiten für die Kinder und etwas in Papierform für die Gastgeber.

Weiter, denn bis zum Übernachtungsplatz ist es noch ein wenig zu fahren und die Gegend auch schon wieder unwirtlich und trocken. Es geht wieder bergauf bis wir dort ankommen, wo wir übernachten sollen. Irgendwo im nirgendwo.

Wir haben aufgebaut und stehen in der Wildnis. Weit und Breit keine Menschenseele. Und dann fängt es an zu Regnen. Es regnet in Strömen und wir suchen im Bus Schutz. Wir sind recht hoch und es wird ungemütlich kühl. So sitzen wir im Bus, reden, trinken unser Bier und überlegen, ob es schon spät genug ist, ins Bett zu gehen.

Eine Horde Kamele rennt in wildem Galopp vor dem Regen davon und wir überlegen ob das jetzt gut oder schlecht ist, denn Tiere wissen normalerweise wann man sich verziehen muss. Wir in unserem Bus können nicht so schnell weg. Vor allem weil schon einige schlafen.

und dann reißt der Himmel auf, es hört auf zu Regnen und die Sonne beschert uns einen dramatischen Sonnenuntergang. Wir sind nur noch 5 Leute und gehen raus, um uns das anzuschauen. Ein wenig auf den Bergkamm hoch und wir haben den Blick auf die Straße auf der wir gekommen sind und die beleuchteten Gipfel gegenüber.

Dann noch die Einsamkeit und Ruhe genutzt, um ungestört einem Bedürfnis nachzugehen und dann geht es in den Bus, in die Koje, weil es recht schnell dunkel wird. In der Nacht stürmt und tobt es noch mal und ein paar ordentliche Blitze zucken über den Himmel und Donner hallt in dem Tal wieder.

Naja, ganz so geschützt und ruhig wie uns das Martin angekündigt hatte, war die Nacht nicht, aber auf jeden Fall besonders. Wir sind in unseren Kojen trocken geblieben und ich habe in der Nacht richtig gut schlafen können. Allmählich scheine ich im Urlaub anzukommen.